Angststörungen

Sich ängstigen und fürchten … dieses Gefühl kennt jeder von uns, wenn er an seine Kindheit zurückdenkt. Viele Kinder haben Angst vor dem Alleinsein im Dunkeln, andere fürchten sich vor Prüfungen. Angst ist an und für sich etwas sehr Wichtiges, denn sie dient als Schutzmechanismus und macht uns auf Gefahren aufmerksam. Wenn diese Angst jedoch außer Kontrolle gerät und übermächtig wird, dann stellt sie eine erhebliche Beeinträchtigung für unser tägliches Leben dar.

Was bedeutet Angst?

Experten unterscheiden Furcht von Angst. Unter Furcht versteht man etwas bestimmtes, meist gibt es eine bestimmbare Bedrohung bzw. einen konkreten Anlass oder Grund. Angst ist im Gegensatz dazu etwas Diffuses. Ein Gefühl, das allgemein und nicht abgrenzbar ist, wie beispielsweise Angst vor dem Leben. Häufig können die betroffenen Personen gar nicht sagen, was der genaue Auslöser für das Auftreten von Angst ist. Das Angstgefühl kann sehr mächtig werden und sich bis zur Panik steigern. Problematisch dabei ist, dass unser Verstand beeinträchtigt oder völlig blockiert wird. Hirnforscher gehen sogar davon aus, dass ein „Zuviel“ an Angst das Gedächtnis nachhaltig schädigen kann.

Wie erkenne ich eine Angsterkrankung?

Angstgefühle können auf unterschiedlichen Ebenen wahrgenommen werden, und nicht immer gelingt es den Betroffenen, die teilweise körperlichen Symptome als solche zu erkennen.         

Auf der körperlichen Ebene sind Symptome wie Herzklopfen, Schweißausbrüche, Übelkeit, zittrige Stimme oder etwa Schwindel typisch. Unser Verhalten wird beeinträchtigt oder blockiert. Insbesondere die Fähigkeit der Alltagsbewältigung kann stark reduziert sein. Tätigkeiten oder Situationen, die üblicherweise problemlos bewältigt werden können, scheinen plötzlich unverhältnismäßig bedeutend und unüberwindbar. Psychisch wird Angst als Zustand der Spannung empfunden, die das Wohlbefinden maßgeblich negativ beeinflusst.

Angst wird dann zum Problem, wenn sie zu stark oder zu häufig auftritt. Angsterkrankungen haben einen großen Anteil bei den psychischen Erkrankungen, und Frauen sind häufiger davon betroffen als Männer. Die meisten Betroffenen sind im Alter von 20 bis 45 Jahren, danach nimmt die Häufigkeit der Erkrankung deutlich ab.

Bei einer Angsterkrankung sind die beschriebenen Symptome der Angst ständig spürbar, es kommt zu keiner Entspannung oder Entlastung des Erregungszustandes. Die Betroffenen sind in einem quasi dauerhaften Gefühl der Sorge und Zweifel, der inneren Unruhe und Anspannung. Dieses belastende Gefühl führt in weiterer Folge zu einem sogenannten Vermeidungsverhalten; man versucht, den Situationen, die bedrohend wirken, aus dem Weg zu gehen. Die kurzfristige Entlastung ist jedoch nicht von langer Dauer, de facto nimmt die Angst im Laufe der Zeit immer mehr Raum ein, und das Leben der Betroffenen wird immer eingeschränkter.

Es werden verschiedene Formen der Angststörung unterschieden, die im Auftreten der Symptome und im Krankheitsverlauf sowie in der Behandlung unterschieden werden können.

Welche Formen der Angst gibt es?

Zu den häufigsten Erkrankungen gehören:

  • die generalisierte Angststörung
  • die Panikstörung
  • die soziale Phobie
  • spezifische Phobien

Die generalisierte Angststörung beginnt häufig langsam und prozesshaft begleitend zu einer starken, länger andauernden Belastung im Privat- oder Berufsleben. Meist schildern die Betroffenen ein ständiges unbestimmtes Angstgefühl ohne spezifischen Grund, verbunden mit der Unfähigkeit abzuschalten, oft auch mit begleitenden körperlichen Symptomen wie schneller Erschöpfbarkeit, Nervosität, Schwindel oder Magenbeschwerden.

Bei der Panikstörung sind die episodenhaften, plötzlich auftretenden panikhaften Angstattacken typisch. Diese sind zeitlich begrenzt und häufig sehr heftig bis hin zu Todesängsten. Die Betroffenen spüren in dieser Zeit Herzrasen, Schmerzen in der Brust oder Erstickungsgefühle und vermuten nicht selten, an einer ernsthaften Herz- oder Lungenerkrankung zu leiden.

Die soziale Phobie zeichnet sich durch die Angst vor dem alltäglichen sozialen Kontakt mit anderen Menschen aus. Die Betroffenen haben Angst, von den anderen bewertet, abgelehnt und kritisiert zu werden. Manchmal wird die Erkrankung erst sehr spät erkannt, da die Symptome als starkes „Schüchternsein“ interpretiert werden. Die spezifische Phobie manifestiert sich in der Angst vor konkreten Situationen, Dingen oder Tieren, wie zum Beispiel Spinnen, Hunden, aber auch Höhenangst oder Angst vor Spritzen etc.

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Die Erkenntnis, an einer Angststörung zu leiden, ist bereits ein wichtiger Schritt. Je früher die Erkrankung erkannt wird, desto einfacher kann es sein, Verbesserungen zu erzielen und die Lebensqualität wieder nachhaltig zu steigern.

Wie bei allen seelischen Erkrankungen ist eine gesamtheitliche Methode unter Einbeziehung von Körper, Psyche und Verhalten bzw. Lebensstil anzustreben.

Die therapeutische Zielsetzung setzt insbesondere auf folgende Stoßrichtungen:

  1. Die Körperreaktionen sollen vermindert werden.
  2. Das Vermeidungsverhalten soll abgebaut werden.
  3. Die subjektive Interpretation des jeweiligen Geschehens soll verändert werden.

Psychotherapeutische bzw. psychologische Begleitung kann durch eine Gesprächstherapie Unterstützung bieten. Die Angst in Worte zu fassen und mit ihr zu „arbeiten“, kann neue Perspektiven und damit Handlungsmöglichkeiten bieten.

Ein Schwerpunkt in der Therapie wird beim Erlernen von Übungen zur Kontrolle der Angst und Panik gesetzt. Ziel ist dabei, einen besseren Umgang mit den negativen und destruktiven Gedankenspiralen zu erlernen, die auch Auslöser von Panikattacken sein können. Zu den verhaltenstherapeutischen Methoden gehören auch die sogenannten Expositionsverfahren. Darunter versteht man die dosierte Konfrontation mit den Angstauslösern, um in einem geschützten Umfeld Möglichkeiten zu trainieren, wie diese Belastungssituationen bewältigt werden können.

Entspannungsübungen helfen dabei, zur Ruhe zu kommen. Hier bieten sich zum Beispiel Techniken der progressiven Muskelentspannung nach Jacobson an. Dadurch kann ein besserer Umgang mit körperlichen Symptomen der Angst oder Panik erlernt werden.

Auch eine Veränderung des Lebensstils hilft. Einerseits ist eine Balance von Belastung und Ruhephasen im Sinne einer ausgewogenen Work-Life-Balance wichtig. Darüber hinaus gilt es, die vorhandene Freizeit mit Sinn und bewusstem Genießen anzureichern. Körperliche Fitness hilft ebenso bei der Erlangung psychischer Stabilität, denn ein gesunder aktiver Körper gibt Kraft und positive Energie.

Je nach Schweregrad und Ausprägung der Erkrankung kann die zusätzliche Gabe von Medikamenten sinnvoll sein. Die am häufigsten zum Einsatz kommenden Substanzen sind Antidepressiva, Medikamente zur Behandlung von Epilepsie sowie - sorgsam eingesetzt – Benzodiazepine. Die bei der Angststörung zur Anwendung kommenden Antidepressiva gehören zu den sogenannten selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern. Sie setzen bei der Wirksamkeit der körpereigenen Botenstoffe an, werden im Allgemeinen gut vertragen und erzeugen keine Abhängigkeit. Auch bestimmte Antiepileptika wirken angstlösend und verbessern den Schlaf, obgleich sie ursprünglich für die Behandlung der Epilepsie entwickelt wurden. Auch bei diesen Medikamenten entsteht keine Sucht. Anders ist dies bei den Benzodiazepinen, die stark angstlösend und beruhigend wirken. Der Einsatz dieser Substanzen sollte aber immer nur über einen begrenzten Zeitraum unter engmaschiger ärztlicher Kontrolle stattfinden, da die Gefahr einer Abhängigkeit von diesen Medikamenten besteht.

Hinweise zum Umgang bei Vorliegen einer Angststörung
  • Informieren Sie sich über die Erkrankung, denn das kann helfen, die Angst besser verstehen zu lernen.
  • Versuchen Sie, Ihre Angst zu akzeptieren und anzunehmen. Lassen Sie sich jedoch nicht von ihr lähmen.
  • Versuchen Sie, sich Ihrer Angst bewusst zu stellen und sich nicht zu stark einschränken zu lassen.
  • Versuchen Sie, Ihr Wohlbefinden zu steigern - regelmäßige Bewegung, gesunde Ernährung, sinnvolle Freizeitgestaltung …
  • Führen Sie ein Angsttagebuch: notieren Sie sich, wann die Angstgefühle auftreten und was davor geschehen ist. Vielleicht entdecken Sie bisher verborgene Zusammenhänge, die Ihnen die Entwicklung von Bewältigungsstrategien ermöglichen.
Lesetipps

Lesetipps:

  • "Arbeitsbuch Ängste und Phobien" Edmund J. Bourne; 1. Aufl., Wilhelm Goldmann-Verlag; München 2008
  • "Ratgeber Generalisierte Angststörung - Informationen für Betroffene und Angehörige" Hoyer J.; Beesdo K.; Becker E. S.; Reihe "Fortschritte der Psychotherapie"; Hogrefe-Verlag; Göttingen-Bern-Toronto; 2007
  • "Ratgeber Panikstörung und Agoraphobie - Informationen für Betroffene und Angehörige" Heinrich N., Reihe "Fortschritte der Psychotherapie"; Hogrefe-Verlag; Göttingen-Bern-Toronto; 2007
  • "Ratgeber Soziale Phobie - Informationen für Betroffene und Angehörige" Von. Cronsbruch, K.; Stangier; U.: Reihe "Fortschritte der Psychotherapie"; Hogrefe-Verlag; Göttingen-Bern-Toronto; 2010
  • "Mit Ängsten und Sorgen erfolgreich umgehen"; Forsyth, J. P. ;Eifert, G. P.; Hogrefe-Verlag; Göttingen-Bern-Toronto, 2010

Redaktion:

Mag. Katharina Scheiber, Dr. Andrea Jansche, Prim. Dr. Ingeburg Spendel, Mag. Petra Müller